Moritz Hochschild

Moritz Hochschild (1881 – 1965): Der "Oskar Schindler Boliviens"

 In Freiberg erinnert nur noch wenig an den am 17. Februar 1881 im hessischen Biblis geborenen Moritz Hochschild, der 1905 an der Bergakademie das Diplom als Bergingenieur erwarb und 1921 hier zum Dr.-Ing. promoviert wurde. In einer kleinen Vitrine in der Lagerstätten-Sammlung im Werner-Bau sind einige Erzproben zu sehen, die Hochschild bei Studienreisen und später als Erzhändler und Bergwerksunternehmer in Südamerika zusammengetragen hatte. Fast vergessen scheint, dass der sehr gute Ruf, den die TU Bergakademie Freiberg in Lateinamerika genießt, auch aus der anhaltenden Achtung entspringt, die ihr einstiger Absolvent als einer der drei großen „Zinnbarone“ Boliviens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Bolivien und anderen südamerikanischen Ländern erworben hatte. Mit den Kupfer- und Zinnunternehmen, die Hochschild seit den 1920er Jahren in Chile, Bolivien, später auch in Argentinien und Peru aufbaute, leistete „Don Mauricio“, wie er dort bald genannt wurde, einen nachhaltigen Beitrag zur Intensivierung der bis dahin eher schwach entwickelten und wenig ertragreichen Kupfer- und Zinnerzindustrie in diesen Ländern. Als bestens ausgebildeter Bergingenieur und ausgerüstet mit dem Können seiner im Erzhandel erfahrenen hessisch-jüdischen Großfamilie[1] entwickelte Hochschild geniale Wirtschaftskonzepte für Erzhandel und Minenbetrieb in Chile und Bolivien. Er verband das von ihm zum eigenständigen Wirtschaftsunternehmen entwickelte Aufkaufen und Handeln kleiner Erzpartien (das sog. „Rescate“-Geschäft) mit solider finanzieller und technologischer Unterstützung, vor allem aber auch mit umfassender Beratung der vielen bisher einzeln und mit hohem Risiko agierenden kleinen Minenbetreiber. Bahnbrechend war zudem seine Idee, das im I. Weltkrieg in Deutschland in den Berzelius-Zinnhütten in Duisburg genutzte Volatisierungsverfahren zur Gewinnung von Zinn aus Glocken und anderen Bronzestücken auf die Zinngewinnung aus niedrighaltigen, bis dahin ungenutzt auf Halde geworfenen Zinnerzen in Bolivien anzuwenden. Hochschilds Unternehmenskonzept sicherte tausende neue Arbeitsplätze, schuf ein neues, Gewinn bringendes Exportprodukt für Bolivien und weitere südamerikanische Länder und machte ihn selbst dort in nur wenigen Jahren zu einem der wohlhabendsten und einflussreichsten Erzunternehmer, der gleichwohl als „Ausländer“ immer umstritten und gefährdet blieb. [2] Hochschild wurde 1933 argentinischer Staatsbürger. Er lebte ab 1934 in New York und Paris und setzte sich nach Ausbruch des II. Weltkrieges intensiv für die Unterstützung der Anti-Hitler-Koalition durch südamerikanische Staaten ein. Für die erste eigene Zinnhütte, die die USA nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor in Texas errichtete, wurde Hochschild Hauptlieferant mit bolivianischem Erz.[3] In Bolivien wurden seine Unternehmen 1952 enteignet und verstaatlicht. Von Paris aus, wo sich Hochschild nach dem II. Weltkrieg dauerhaft niederließ, warb er intensiv für ein vereintes Europa.[4] Für seine Verdienste um die Entwicklung der deutschen Wirtschaft in Südamerika erhielt „Dr. Mauricio Hochschild“, wie es in der Verleihungsurkunde hieß, am 15. Juli 1961 das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.[5] Am 12. Juni 1965 starb Moritz Hochschild in Paris.

 

Zeit seines Lebens war Moritz Hochschild der Bergakademie Freiberg, vor allem seinen einstigen akademischen Lehrern, verbunden geblieben. Zu Ostern 1900 hatte er sich unter Matrikel-Nummer 4398 an der Bergakademie Freiberg eingeschrieben.[6] Er absolvierte aber zunächst, nach ersten Vorlesungen bei dem Mathematiker Erwin Papperitz, seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger beim Königlich-Sächsischen Jägerbataillon Nr. 12 in Freiberg. Nach seiner Rückkehr an die Bergakademie im Oktober 1901 hörte er u.a. Mineralogie und Kristallografie bei Friedrich Kolbeck und Bergbau- sowie später Aufbereitungskunde bei Emil Treptow, dessen kristallografisches Praktikum er gleichfalls belegte, Eisenhüttenkunde bei Adolf Ledebur, Chemievorlesungen bei Clemens Winkler, Bergrecht und hüttenmännisches Rechnungswesen bei August Otto Krug und ab 1904 auch Maschinenlehre bei Hermann Undeutsch. Ausgedehnte Exkursionen führten ihn bereits während der Studienzeit in russische Kupfergruben im Ural und im Kaukasus, aber auch nach Spanien und ins Mansfeldische. Am 15. Dezember 1905 bestand Hochschild die Diplom-Prüfung als Bergingenieur mit der Note „Gut“. Sein Berufsweg begann in der Metallgesellschaft Frankfurt, wo er bald darauf erste praktische Erfahrungen im Erzaufkauf in Spanien erwarb. Nur ein Jahr nach Abschluss seines Studiums gehörte Hochschild zu den ersten, die eine Dissertationsschrift einreichten, nachdem die Bergakademie Freiberg 1905 das Recht zur Durchführung von Promotionsverfahren zum Dr.-Ing. erhalten hatte, zunächst allerdings nur in Verbindung mit der Technischen Hochschule Dresden.[7] Seine „Beschreibung der Erzlagerstätten von Sidi Joussef in Tunis und Erklärungsversuch ihrer Genesis“ wurde nach einigem Hin und Her zwischen Dresden und Freiberg im Juni 1907 allerdings – gegen das zunächst positive Gutachten des Geologen Richard Beck – abgelehnt.[8] Der kürzlich verstorbene Biograf Hochschilds, Helmut Waszkis[9], hegte die Vermutung, die Ablehnung, die vor allem der Zweitgutachter Ernst Kalkowsky, Ordinarius für Mineralogie und Geologie an der TH Dresden, betrieben hatte, sei der nicht zuletzt über das Promotionsrecht ausgetragenen Konkurrenz zwischen der TH Dresden und der Bergakademie Freiberg zuzuschreiben gewesen. Auch antisemitische Abneigungen könnten eine Rolle gespielt haben.[10]

 

Immerhin ließ sich Moritz Hochschild nicht entmutigen. Um viele praktische Erfahrungen reicher, unternahm er im Herbst 1921 einen neuen Anlauf zur Promotion an der Bergakademie Freiberg. Inzwischen hatte er eine Kupfergrube in Australien geleitet und während des I. Weltkrieges seine „vaterländische Gesinnung“ für Deutschland als Verbindungsoffizier im deutschen Heer unter Beweis gestellt. In Chile und später auch in Bolivien war er davor und danach zunehmend erfolgreich im Kupfer- und Zinnhandel und in Leitung und Betrieb von Erzgruben- und Hüttengesellschaften tätig. Die Bergakademie besaß seit 1920 das volle Promotionsrecht.[11] Hochschilds nun eingereichten „Studien über die Kupfererzeugung der Welt“ bewertete der Vorsitzende der Prüfungskommission, Rektor Otto Fritzsche, als eine Arbeit, in der „das Bergmännische, das Hüttenmännische, Geologische und Wirtschaftliche“ gelungen „miteinander verkuppelt“ seien. Erstgutachter Karl Kegel lobte Hochschild als „guten Kenner der wichtigsten Kupfererzeugungsgebiete“, während Friedrich Schumacher dessen „eingehende, vielfach auf persönlichen Erfahrungen beruhende Kenntnis“ hervorhob und in Hochschilds „Darstellung der rapiden Entwicklung des gesamten Kupferbergbaus“ den „wertvollsten Teil der Arbeit“ ausmachte.[12] Das Promotionsverfahren endete am 8. Oktober 1921 mit „gut bestanden“. Auch nach seiner Rückkehr nach Chile und Bolivien hielt Hochschild enge Kontakte zur Bergakademie aufrecht. Er überließ immer wieder Lagerstättenproben und bergmännische Ausrüstungen von seinen Exkursionen und aus seinen Gruben den Sammlungen der Bergakademie. Er blieb in Kontakt zu Friedrich Schumacher, der ihm bis weit in die NS-Zeit hinein den Bezug der Zeitschrift „Die Bergakademie“ ermöglichte. Noch nach dem II. Weltkrieg soll Hochschild in Verbindung mit der Familie seines einstigen akademischen Lehrers Friedrich Kolbeck gestanden und dessen in Not geratener Tochter finanziell geholfen haben. In seinem Firmenimperium arbeiteten nicht wenige Familienangehörige, einstige Freiberger Studienkollegen und deutsch-jüdische Ingenieure und Bergbauexperten, die ihm in allen Phasen seines bewegten Lebens durch Können und Kreativität aufgefallen waren.

 

Moritz Hochschild war indes nicht nur einer der erfolgreichsten Erzunternehmer Südamerikas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nachdem die Nationalsozialisten 1933 an die Macht gekommen waren, galt Hochschilds Sorge der Rettung nicht nur seiner eigene Familie, sondern auch jüdischer Studienfreunde und Berufskollegen vor den immer dramatischeren Rassenverfolgungen in Deutschland.[13] Besonders nach den Novemberpogromen 1938 in Deutschland dehnte Hochschild diese Hilfe entschieden aus und setzte endgültig erhebliche Teile seines Vermögens und seinen ganzen politischen Einfluss daran, verfolgten Juden die Emigration nach Bolivien und in andere südamerikanische Länder zu ermöglichen. Bolivien öffnete, nicht zuletzt aufgrund der Interventionen Hochschilds, für einige Jahre seine Grenzen für jüdische Flüchtlinge aus Deutschland und Europa.[14] In Kontakt mit Hilfsorganisationen wie dem American Jewish Joint Distribution Committee, aber auch durch die Gründung eigener Hilfsorganisationen, vor allem der Sociedad Colonizadora de Bolivia (SOCOBO), in deren Vorstand leitende Manager seiner Unternehmen saßen, schuf er ein riesiges personelles, finanzielles und logistisches Netzwerk, dass die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge und deren Integration in Bolivien sichern sollte. Das tatsächliche Ausmaß seiner Hilfe wird erst in den letzten Jahren genauer bekannt. Seit Monaten berichten internationale Agenturen und fast alle nationalen Medien – zum Teil leider unter unangebracht reißerischen Überschriften[15] – über Aufsehen erregende neue Funde im Aktenbestand des von Hochschild überkommenen Minenarchivs der seit 1952 staatlichen Bergbaugesellschaft COMIBOL in El Alto, Bolivien. Sie liefern Belege dafür, dass Hochschild bis zu 10.000 Juden aus Europa vor der Vernichtungspolitik der Nazis gerettet haben könnte. Seit 2016 ist dieser Aktenbestand daher in das UNESCO-Weltregister „Memory of the World“ aufgenommen und soll schrittweise online zugänglich werden.[16]

 Nicht zuletzt deshalb wird es der TU Bergakademie Freiberg zur Ehre gereichen, sich dieses bedeutenden Absolventen in würdiger Form zu erinnern. Erste Vorschläge dazu liegen aus dem IWTG auf dem Tisch.

 

 

[1] Zacharias Hochschild (1854 – 1912), Cousin seines Vaters, gehörte zu den Mitbegründern der Frankfurter Metallgesellschaft AG und war deren erster Vorstand. Leopold Hirsch, Onkel mütterlicherseits, war Agent des südafrikanischen Minenkonzerns De Beer in London.

[2] Ausführlich bei: Helmut Wazskis, Dr. Moritz (Don Mauricio) Hochschild 1881-1965. The Man and His Companies. A German Jewish Mining Entrepreneur in South America; Frankfurt a. Main 2001; zugl.: Berlin, FU, Diss. 2000

[3] Hierzu auch: Helmut Waszkis, Dr. Moritz (Don Mauricio) Hochschild – ein bedeutender Bergakademiker (1881-1965. In: M. Düsing (Hrsg.), Glück Auf, mein Freiberg!. Erinnerungen und Lebensgeschichten jüdischer Bürger in den sächsischen Bergstädten Freiberg und Oederan; Freiberg 1995, S. 140-150, hier: S. 145

[4] Moritz Hochschild, Europas letzte Chance. In: Der Volkswirt, 01.09.1956

[5] Schreiben des Bundespräsidialamts, Ordenskanzlei, an den Autor vom 05.07.2017 sowie Schriftgutbestand Bundespräsidialamt, Ordenskanzlei zur Ordensverleihung an M. Hochschild im Bundesarchiv Koblenz, Bestand BArch B 122/38739

[6] UniArch TU BAF, Akte Hochschild 364 416

[7] Otfried Wagenbreth, Norman Pohl, Herbert Kaden, Roland Volkmer: Die Technische Universität Bergakademie Freiberg und ihre Geschichte; Freiberg 2008, S. 47

[8] Ablehnungsmitteilung v. 06.06.1907 durch Rektor Erwin Papperitz an M. Hochschild; UniArchiv Akte 364 416

[9] Helmut Waszkis verstarb am 08.03.2017 in seiner Wahlheimat USA

[10] Dazu H. Waszkis 1995 (wie Anm. 3), S. 141

[11] Otfried Wagenbreth, Norman Pohl, Herbert Kaden, Roland Volkmer 2008 (wie Anm. 7), S. 47

[12] UniArch TU BAF, Akte Hochschild 364 416

[13] Vgl. dazu M. Düsing, Dr. Moritz Hochschild-ein unbekannter Bergakademiker. In: Bergakademie. Zeitschrift der TU Bergakademie Freiberg, Nr. 15/16 (August 1995), S. 36

[14] Ausführlich bei H. Waszkis 2001 (wie Anm. 2), S. 32-40; auch: Margarete und Alois Payer, Chronik Boliviens Teil 2, 1937-1943. Die Geschichte Boliviens. In: http://www.payer.de/bolivien2/bolivien0218.htm; Abruf 24.07.2017

[15] So bei FAZ, 16.03.17; STERNonline, 23.06.17; Freie Presse,13.07.17: „Der Oskar Schindler Boliviens“

[16] DPA-Meldung v. 24.07.17

 

Abb. 1 Moritz Hochschild als Einjährig-Freiwilliger in FG 1900; Sammlung Rudi Dörr, Biblis

Abb. 2 Porträtaufnahme Dr. Moritz Hochschild, undatiert; LBI Photo Collection F 82648

Abb. 3 Promotions-Urkunde v. 08.12. 1921 Dr. Moritz Hochschild; Archiv TU BAF

Abb. 4 Moritz Hochschild in späteren Jahren

 

 

Veranstaltungen

Zeit-Zeugen-Begegnung mit Meike Freud-Faber

 

24. Mai 2018  l  19:00 Uhr

Rösterei Momo, Korngasse 3, Freiberg

Eintritt frei

 

Meike Feud-Raber, die Urenkelin des Freiberger Juden Max Freud, erzählt die Geschichte ihres Urgroßvaters und ihrer Familie. 

Max Freud, evangelisch-lutherisch, in Freiberg verheiratet, Weinhändler, fünf Kinder, starb am 5. September 1942 im KZ Dachau. Als Grund seiner "Schutzhaft", die mit dem Tod endete, hatte die Gestapo vermerkt: "hat eine arische Frau geküsst". Denn für die Nationalsozialisten galt Max Freud als "Rassejude", seine Ehe als "Rassenschande". Jahrzehnte nach seinem Tod hat sich seine Urenkelin Meike Freud-Raber aus Königswinter bei Bonn auf die Suche nach den auch in ihrer eigenen Familie verdrängten und vergessenen Spuren ihres Urgroßvaters gemacht. In den Veröffentlichungen der Geschichtswerkstatt Freiberg und des Vereins "Freiberger Zeitzeugnis e.V." wurde sie fündig. Michael Düsing führt mit ihr am 24. Mai 2018 ab 19:00 in der Rösterei Momo ein Gespräch über Spurensuche, Familientradition und altem und neuem Antisemitismus.