1938 in Freiberg

Zum 80. Jahrestag der "Reichskristallnacht": Judenverfolgung 1938 in Freiberg

1938: die "Zeit des herrlichen Aufstiegs unseres Deutschen Reiches unter unserem Führer Adolf Hitler", dessen "unvergleichliches Rettungswerk...auch Freiberg Rettung und Erlösung" brachte (O-Ton des Freiberger Oberbürgermeisters W. Hartenstein auf das Jahr 1938...)

Für diejenigen, "die keine Deutschen sind, die kein Gefühl haben für den Geist, der ein Volk ausmacht, die kein Vaterland kennen" (ebenfalls O-Ton OB Hartenstein - allerdings schon 1933), brachte das Jahr 1938 bis zum Oktober allein mindestens 3 judenfeindliche Verordnungen und Erlasse pro Monat, die jene, die zu volksfremden und parasitären "Rassejuden" erklärt worden waren, endgültig in den sozialen und wirtschaftlichen Ruin trieben - auch in Freiberg. Hier einige Beispiele:

 

Im Januar 1938 ordnet der Reichserziehungsminister an, dass jüdische Schüler die Reifeprüfung nur noch an jüdischen Privatschulen ablegen dürfen. Folge: bis zum Sommer 1938 werden die beiden jüdischen Schüler am Gymnasium Albertinum, Werner Pinkus und Manfred Wolff, zum vorzeitigen Abgang ohne Reifeprüfung gezwungen.

 

Im April 1938 verkündet das Reichsgesetzblatt, dass bestraft wird, wer "für einen Juden ein Rechtsgeschäft führt". Folge: Der angesehene Freiberger Rechtsanwalt Dr. Adolf Ranfft wird 1940 aus dem "Nationalsozialistischen Rechtswahrerbund" und der "Deutschen Rechtsfront" ausgeschlossen wegen seiner "Bedenkenlosigkeit in der Annahme von Judenmandaten" (RA Ranfft hatte u.a. den Kaufmann Max Pinkus wegen des Entzugs der Gewerbeerlaubnis durch die Stadt Freiberg vertreten).

 

Ebenfalls im April zwingt die "Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden" alle Juden, sowie auch deren nichtjüdische Ehepartner, zur "Offenlegung ihres gesamten in- und ausländischen Vermögens über 5.000 RM. Folge: der Deutschlandweit angesehene Ingenieur Dr. Werner Hofmann, früherer Direktor der Porzellanfabrik Freiberg und Ehrendoktor der Bergakademie, wird in den finanziellen Ruin getrieben. Nach den Novemberpogromen 1938 geht Hofmann im März 1939 in den Tod, um seine Ehefrau zu retten.

 

Im Mai erzwingt eine Verordnung die Eintragung der "früheren Zugehörigkeit zu einer jüdischen Religionsgemeinschaft in den Personenstandsbüchern". Folge: der 1931 aus der Jüdischen Gemeinde ausgetretene und in den 1930er Jahren von Arndt von Kirchbach im Dom getaufte Freiberger Unternehmer Abraham Georg Wolff wird als "Rassejude" und "Vaterlandsverräter" gebrandmarkt.

Ebenfalls im Mai erzwingt der Reichsfinanzminister, dass Firmen nur noch von "arischen Lieferanten" Waren beziehen dürfen. Das Freiberger Schocken-Kaufhaus muss alle Lieferbeziehungen zu "arischen" Lieferanten kündigen.

 

Mit der 3. Verordnung zum Reichsbürgergesetz werden im Juni 1938 alle jüdischen Gewerbebetriebe in einem Verzeichnis erfasst, um deren "Arisierung" zügig vorantreiben zu können (O-Ton OB Hartenstein im Verwaltungsbericht auf das Jahr 1938: "Die Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben ist...fast abgeschlossen. Zur Aufstellung des Verzeichnisses jüdischer Gewerbebetriebe wurde die Abstammung der hiesigen Gewerbebetriebe in großem Umfang geprüft").

 

Im Juli untersagt die veränderte Gewerbeordnung den Betrieb u.a. von Auskunfteien, Grundstückshandel, Fremdenführung usw. durch Juden. Max Pinkus (Kaufmann in der Poststraße 16) verliert die letzte Erwerbsmöglichkeit - im Stadtrat begründet wegen"Unzuverlässigkeit". 

Im August 1938 werden alle Juden gezwungen, ab Januar 1939 zusätzliche "jüdische" Vornamen zu führen - "Israel" und "Sara". Im Stadtarchiv existieren etliche Anträge auf Namenszusatz von Menschen, die später Opfer des Holocaust wurden, da sie keine Möglichkeit zur Flucht mehr fanden.

 

Im September werden "deutsche Firmen" veranlasst, "jüdische Vertreter im Ausland" zu entlassen. Der Freiberger Ingenieur Hugo Knoblauch versucht dennoch, seinen in Prag tätigen Mitarbeiter Karel Herrmann zu schützen. Trotz großen Einsatzes kann er nicht verhindern, dass Herrmann im März 1943 deportiert wird und umkommt.

 

Ab Oktober 1938 müssen alle Reisepässe deutscher Juden mit einem roten Aufdruck "J" versehen werden. Das erschwert deren Flucht (leider auch auf aktiven Druck z.B. von Seiten der Schweiz, die "illegale" Immigration verhindern will!!!). 

Reichspropagandaminister Josef Goebbels im Juni 1939: "Nicht Gesetz ist die Parole, sondern Schikane"

 

Eines der Opfer der Novemberpogrome in Freiberg 1938 ist Szolem (Salomon) Druck. Er nimmt sich am Morgen des 25. Dezember 1938 in seiner Werkstatt im Hinterhaus der Humboldtstraße 34 das Leben - im Alter von nur 51 Jahren. Es gibt kein Foto von ihm. Nur ein paar wenige Daten liefern Anhaltspunkte für sein Leben und Sterben. Szolem Druck lebt seit 1918 in Freiberg. Geboren wurde er 1887 in Wilna (dem heutigen Vilnius). Er betreibt in Freiberg eine kleine Schuhmacherwerkstatt. Er war beliebt, ein kleiner, freundlicher, etwas gebeugt gehender Mann, so erinnert sich vor wenigen Jahren eine Freibergerin, die ihn noch als Kind kannte. Was trieb ihn in den Tod? Szolem Druck war arm, staatenlos, "russisch-polnischer Jude", wie in seiner Akte stand. Für die Nazis an der untersten Skala der verachteten und verhassten "Rassejuden" stehend. Im Oktober 1938 sollte er vermutlich - wie 17.000 weitere "polnisch stämmige" Juden - ausgewiesen werden. Auf irgend eine Weise gelingt es ihm, der Deportation zu entgehen. Seiner Frau, einer Selte, geb. Eljaschewitz, möglicherweise nicht - von ihr gibt es keinerlei Spuren mehr. Wir wissen nicht, was mit ihm in den kommenden Wochen geschah, wo er sich am 9. November 1938 und in den Tagen danach aufhielt. Ein Eintrag im Wachbuch des Polizeireviers Freiberg am 25. Dezember 1938 ist das letzte, was von ihm übrig blieb: „Gegen 9:40 wurde fernmündlich gemeldet, daß sich im Hause Humboldtstr. Nr. 34 ein Mann mit Gas vergiftet habe. Es wurde sofort der Sauerstoffapparat bestellt, der aber nicht in Tätigkeit gesetzt zu werden brauchte, da der Tod, wie später durch den Arzt festgestellt worden ist, bereits eingetreten war. In dem Toten handelt es sich um den jüdischen Schuhmacher Szolem Druck, geb. am 1. Mai 1887 in Wilna, wohnhaft Humboldtstraße Nr. 34."
Auf dem Sterbeeintrag Nr. 564/1938 vermerkt der protokollierende Polizeibeamte unter "Beweggründe des Selbstmordes" zynisch: "vermutlich Lebensüberdruß".

Für einige heutige Zeitgenossen ist die Verlegung eines Stolpersteins, wie am 28. September 2010 für Szolem Druck vor dem Wohnhaus Humboldtstraße 34 erfolgt, nicht gerechtfertigt, da es sich doch "lediglich um einen Selbstmord gehandelt" habe.